Camino del Norte Etappe 1: „One day baby, we’ll be old“

Das Bild von der ersten Camino del Norte Etappe zeigt zwei paar Beine mit Wanderschuhen, die auf Felsen liegen. Dahinter das Meer und der Himmel.
Wandern an der spanischen Nordküste: Ein Hochgenuss für Körper und Seele.

In 60 Tagen zu Fuß an der spanischen Küste entlang durch das Baskenland nach Kantabrien und über Asturien nach Galicien:

Die vage Idee für das Abenteuer Camino del Norte stand fest. Die Erkundungstour sollte auf den Spuren des gleichnamigen Jakobsweges starten, ihren absoluten Höhepunkt aber schließlich auf unerschlossenen Wegen entlang der sagenumwobenen Costa da Morte – der Todesküste Galiciens – finden. Soweit die Theorie.

Das Abenteuer beginnt im Kopf

Um diesen Plan in die Tat umzusetzen, hieß es jedoch erst einmal mit den Vorbereitungen zu starten. Das Erstellen der Packliste, die Organisation der zweimonatigen Abwesenheit, aber vor allem die Etappen- und Routenplanung beanspruchten einige Zeit. Doch die investierten wir natürlich gerne, ist schließlich Vorfreude bekanntermaßen (mit) die schönste Freude – auch wenn wir uns dabei bereits der ein oder anderen Herausforderung stellen mussten.


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Anspruchsvolle Routenplanung

Die Routenplanung bereitete uns dabei zugegebenermaßen ein wenig Kopfzerbrechen. Auf den Streckenabschnitten zwischen Irun und Ribadeo konnten wir uns am regulären Jakobswegverlauf orientieren, danach stand jedoch der sprichwörtliche „Aufbruch ins Ungewisse“ bevor. Um hier die Unwägbarkeiten möglichst in Grenzen zu halten, war jede Menge Fleißarbeit gefragt. Das Träumen vom Unterwegssein an der spanischen Nordküste musste erst einmal warten …

Tagelang saßen wir vor den unterschiedlichsten Karten, den Blick auf die spanische Nordküste gerichtet und gingen gedanklich verschiedene Wegvarianten durch.

Dieses Bild von der ersten Camino Portugues Etappe zeigt ein Selfie von Andrea und Nico vor türkisfarbenen Meer.
Küstennähe sollte die Route des Abenteuers „Camino del Norte“ prägen.

Die rund 650 Kilometer lange Jakobswegroute bis Ribadeo passten wir an den Stellen, an denen der ausgeschilderte Weg eher wenig attraktiv erschien, schrittweise unseren Vorstellungen an. Die Faustregel lautete „Nur so viel Asphalt und Straßen wie nötig und so küstennah wie möglich“.

Die echte Herausforderung lag jedoch in der Planung der rund 550 Kilometer langen Route ab Ribadeo. Auf dieser Strecke entlang der Küste über die Costa da Morte bis nach Finisterre werden wir schließlich in Regionen unterwegs sein, die nicht wie der Jakobsweg durchgängig ausgeschildert sind.

Auf der Suche nach Karten und Wanderführern zeigte sich schnell, dass die von uns vorgesehene Route von Ribadeo über A Coruna und Malpica bis ans Ende der Welt offensichtlich nicht sehr populär und entsprechendes Informationsmaterial mehr als rar ist. So blieb uns nichts anderes übrig, als die Route für den Küstenweg zwischen Ribadeo und Finisterre auf eigene Faust zu planen.

Entscheidungen wie zum Beispiel „Von wo nach wo soll welche Etappe gehen?“ waren dabei nicht unbedingt einfach zu treffen. Je nach Untergrund und Steigung kann eine Entfernung von 20 Kilometer kurz sein, sich aber auch als unendlich lang erweisen.

In Gebieten, die sich fern ab von jeglichem touristischen Einzugsbereich befinden und in denen Ortschaften weit auseinander liegen, galt es außerdem noch weitere Aspekte zu beachten. „Wo findet man eine Unterkunft?“ oder „Welche Verpflegungsmöglichkeiten gibt es auf dem Weg?“ waren Beispiele für wichtige Fragen, die die Komplexität der Planung nicht gerade einfacher machten.

Nach längerem Hin und Her war es dann jedoch geschafft und die Routen- und Etappenplanung für unser ganz persönliches Abenteuer Camino del Norte stand. Nun war es an der Zeit, sich der Camino del Norte Packliste und organisatorischen Fragen zu widmen. Dann endlich waren die Vorbereitungen abgeschlossen und wir startklar.

Von wegen flach: Bergsteigen bei der ersten Camino del Norte Etappe

Es ist Anfang Mai als wir unsere Reise antreten. Nach einem dreistündigen Flug nach Bilbao und einer anschließenden rund zwei Stunden dauernden Busreise stehen wir in Irun, dem Ausgangspunkt für unser „Abenteuer Camino del Norte“, das uns bereits in den ersten Tagen ganz schön fordert.

GoogleMap Camino del Norte Teil 1: von Irun nach Bilbao

Rund 160 Kilometer mit einem Gesamtanstieg von fast 5.000 Höhenmetern in sieben Tagen: Diese zahlenmäßige Bilanz der ersten Woche lässt erahnen, dass der Weg in Sachen Kondition und Technik einige Anforderungen stellt. Und in der Tat: Auf den ersten Camino del Norte Etappen von Irun über San Sebastian nach Bilbao durchleben wir im Hinblick auf diesen ersten Wegabschnitt ein einziges Auf und Ab und bringen so unseren „Motor“ schon einmal auf Betriebstemperatur.

Bereits auf den ersten Kilometern geht es steinig aufwärts auf den Berggrat des Jaizkibel, dessen höchster Punkt bei rund 550 Metern liegt. Dass dabei mit einem über 12 kg schweren Tourenrucksack auf dem Rücken die eine oder andere Schweißperle rinnt, ist verständlich. Dafür werden wir aber mit einem wunderbaren Panoramablick über die spanische Nordküste belohnt.

Überhaupt: Sagenhafte Fernsichten in alle Himmelsrichtungen bieten sich entlang des Weges immer wieder, aber geschenkt bekommt man hier wahrlich nichts. Auf dem Weg nach Bilbao vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens 600 Meter Gesamtanstieg bzw. Gefälle vor uns liegen und auf zwei Etappen durchbrechen wir sogar die Tausend-Meter-Grenze: zwischen Zarautz und Deba entlang der Steilküste und auf dem Weg von Deba über Larruskain nach Markina-Xemein.

Ja, dieser Teil des spanischen Küstenwegs hat es in sich und benötigt schon eine größere Portion sportlicher Ambitionen. Und dennoch: Er ist sehr angenehm zu laufen. Vielleicht liegt dies auch ein wenig an der Beschaffenheit der Wege, die wir für unsere Tour ausgewählt haben. Wo immer die offizielle Beschilderung uns auf den unterschiedlichen Camino del Norte Etappen über harte, „laufunfreundliche“, asphaltierte und betonierte Nationalstraßen oder größere Landstraßen führen würde, suchen wir nach Ausweichmöglichkeiten und werden fast immer angenehm vom Streckenprofil abseits der „eingetretenen Pfade“ überrascht:

Weicher Waldboden, Wiesen, Feld- und Forstwege, sandiger Untergrund, alte gepflasterte oder unbefestigte Straßen sorgen für Abwechslung beim Laufen, was offensichtlich auch unseren Füßen gut bekommt. Da nehmen wir doch gerne auch ein paar zusätzliche Anstrengungen in Kauf, die aber mit Trittsicherheit, ein wenig Technik und einem gesunden Maß an Kondition ohne Probleme machbar sind. Naja, wenn man einmal von einem kleinen Zwischenfall absieht…

Nur ein Moment der Unachtsamkeit…

Es geschieht am späten Nachmittag des dritten Tages. Wir sind unterwegs nach Zarautz, fühlen uns wunderbar beschwingt, albern herum, blicken durch die Gegend, freuen uns einfach des Lebens und dann passiert es: Eine rutschige und nasse Passage durch den Regen am Vormittag, ein Stein, eine kurze Unachtsamkeit, das ungewohnte Drehmoment mit dem Rucksack auf dem Rücken und die Schwerkraft sorgen für eine Verkettung von Umständen, die Andrea zu Fall bringen.

Mit einem schmerzhaften Aufprall landet sie auf der linken Körperseite. Ein Sturz, der durch den Rucksack glücklicherweise ein wenig aufgefangen wurde, sonst wäre womöglich Schlimmeres passiert. Nach einer Schrecksekunde rappelt sie sich wieder auf und checkt ihre Gliedmaßen. Soweit scheint alles in Ordnung. Ein paar Schrammen am Ellenbogen, die seitlichen Rippen schmerzen etwas, der Oberschenkel tut ein wenig weh, aber ansonsten keine sichtbaren Verletzungen. Nach einer kleinen Pause laufen wir weiter, merken aber schnell, dass der Sturz Andrea doch mehr zu schaffen macht, als gedacht und sind froh, als wir am Tagesziel Zarautz ankommen. Ein paar Aspirin, früh schlafen gehen und Kraft tanken für morgen…

Am nächsten Tag ist klar: Die Schmerzen an den Rippen haben sich nicht in Luft aufgelöst und wir entscheiden, im Ort einen Arzt aufzusuchen, um sicher zu gehen, dass keine größeren Blessuren durch den Sturz entstanden sind, bevor wir weiterziehen. Im Hotel rät man uns dazu, direkt das öffentliche Krankenhaus aufzusuchen und so machen wir uns auf den Weg in die Notaufnahme. Nach längerer Wartezeit und Röntgen steht fest, dass sich Andrea eine starke Rippenprellung zugezogen hat, glücklicherweise ist aber nichts gebrochen. Mit einem Rezept für Schmerztabletten und entzündungshemmende Mittel gehen wir in die Apotheke und holen uns die runden kleinen Pillen, die Andreas pharmazeutische Begleiter für die nächsten vier bis fünf Wochen sein werden. So lange dauert es nämlich in der Regel, bis die Prellung abgeheilt ist.


♦ ♦ ♦ Notfall, was dann? Drei Informationen zur medizinischen Versorgung in Spanien ♦ ♦ ♦

Das „Abenteuer Camino del Norte“ zu planen, bedeutet auch, für den medizinischen Notfall vorzusorgen, kann dieser schließlich – wie wir selbst erfahren haben – schneller als man denkt eintreten.

Das Bild zeigt die Medikamente der Reiseapotheke, die wir während unserer Camino del Norte Etappen im Gepäck hatten.
Eine Reiseapotheke mit den wichtigsten Medikamenten sollte auf jeder Packliste stehen.
  1. Europäische Krankenversichertenkarte
    Auf jeden Fall mit ins Gepäck gehört die europäische Krankenversichertenkarte. Mit ihr haben Versicherte Anspruch auf Leistungen, die während des Aufenthalts in einem EU-Mitgliedstaat medizinisch notwendig werden. Anfallende Kosten werden von der gesetzlichen Krankenkasse im Heimatland entsprechend des jeweils geltenden Kostenrahmens erstattet. Wer diese Versicherungskarte im EU-Ausland nicht vorlegen kann, wird zwar auch behandelt, muss aber unter Umständen die Kosten direkt vor Ort – teilweise sogar bar – bezahlen und nach seiner Rückkehr versuchen, diese von seiner Krankenkasse wieder erstattet zu bekommen. Aber Achtung: Die normalen gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Behandlungskosten nur maximal in der Höhe der deutschen Vertragssätze. Für eventuelle landesspezifische Mehrkosten muss man selbst aufkommen. Außerdem stehen bestimmte Maßnahmen wie zum Beispiel ein medizinisch notwendiger Rücktransport überhaupt nicht im Leistungsverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen und müssen im Fall der Fälle vollständig aus eigener Tasche bezahlt werden – was schnell mehrere Tausend Euro kosten kann.
  2. Arzt, Gesundheitszentren, Krankenhaus – wo hin?
    Um die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse im Krankheitsfall sicherzustellen, ist der Gang in ein staatliches Krankenhaus oder Gesundheitszentrum zu empfehlen. Nachteil: Hier sind häufig Spanisch-Kenntnisse oder ein dolmetschender Begleiter erforderlich, um sich zu verständigen. In privaten Einrichtungen hingegen sprechen Ärzte und Pflegekräfte in der Regel englisch, wenn nicht gar deutsch, allerdings gilt die europäische Krankenversichertenkarte in privaten Einrichtungen nicht zwingend und die Kosten müssen unter Umständen selbst getragen werden.
  3. Hilferuf
    Medizinische Hilfe kann man in Spanien, wie in Deutschland auch, über die Notrufnummer 112 rufen. Wichtig ist jedoch zu wissen, dass gerade außerhalb der Touristenzentren am anderen Ende der Leitung nicht unbedingt ein deutsch- oder englischsprechender Gesprächspartner zur Verfügung steht. Alternativ kann es daher sinnvoll sein, zum Beispiel die ADAC-Auslandsnotrufstation in Barcelona unter der Telefonnummer +34 93 508 28 28 zu kontaktieren, da hier alle Notrufe auch in Deutsch entgegengenommen werden können.
TIPP: Wer sich für eine längere Zeit im Ausland aufhält, sollte über den Abschluss einer zusätzlichen Auslandskrankenschutzversicherung nachdenken, die die Kosten der medizinischen Untersuchungen und Behandlungen sowie für verordnete Arzneimittel, die nicht durch die normale gesetzliche Krankenversicherung gedeckt sind und einen im Ernstfall notwendigen Rücktransport übernimmt. Außerdem: Vor Reisebeginn mit der eigenen Krankenversicherung bzw. mit der Auslandskrankenschutzversicherung abklären, über welchen Kanal man im Notfall am besten Hilfe anfordern kann.


„Quäl Dich Du Sau“

Mit Ibuprofen im Blut geht es die nächsten Tage weiter. Der Weg führt zunächst von Zarautz nach Deba, dann nach Markina-Xemein und schließlich bis nach Gernika. Mit einer durchschnittlichen Streckenlänge von 20 bis 22 Tageskilometer bewältigt glücklicherweise auch Andrea die jeweiligen Strecken den Umständen entsprechend gut. Dann aber kommt Tag vier nach dem Unfall. Als Ziel ist das über 30 km entfernte Bilbao vorgesehen.

„Laufen, Laufen, Laufen“ oder frei nach Udo Bölts (jahrelange „Zugmaschine“ von Jan Ulrich), „Quäl Dich Du Sau“, so lässt sich diese Etappe am besten beschreiben. Die ersten zehn Kilometer verläuft noch alles problemlos. Danach aber zieht sich der Weg gefühlsmäßig wie Kaugummi und während wir in den vergangenen Tagen jeden Schritt in vollen Zügen genossen und die Umgebung regelrecht in uns aufgesogen haben, bleibt jetzt nur noch wenig Sinn für das Schöne um uns herum.

Andrea kämpft mit Rippenschmerzen, Nico mit rund fünf Kilogramm Mehrgepäck aus Andreas Rucksack und damit insgesamt 17 Kilogramm auf dem Rücken. So erreichen wir nach weiteren zehn Kilometern das Örtchen Lezama und überlegen, ob wir hier für heute stoppen sollen. Vieles spricht dafür, aber dennoch haben wir nach wie vor unser Ziel Bilbao vor Augen und entschließen nach einer längeren Rast den Weg fortzusetzen.

Irgendwann stehen wir schließlich am Stadtrand. Jetzt noch hinein ins Zentrum, bis zum Hotel, dann geht wirklich nichts mehr. Den geplanten abendlichen Bummel mit Kneipentour durch die Stadt streichen wir von der Agenda, besorgen uns stattdessen eine Flasche Wein und ein paar Pinchos in einer Bar um die Ecke, lassen uns damit am Ufer der Ria de Bilbao nieder und hängen unseren Gedanken nach.

Es sind gerade einmal acht Tage her, dass wir in unser „Abenteuer Camino del Norte“ gestartet sind und doch erscheint es uns schon wie eine halbe Ewigkeit. Es ist viel passiert und wir lassen die vielen wundervollen Eindrücke Revue passieren.

Camino del Norte Etappe 1: die Highlights

Abgesehen von den wirklich tollen Laufwegen und den immer wieder betörenden Weitblicken hinaus auf den Atlantik und hinein ins Landesinnere erinnern wir uns dabei vor allem an folgende Momente besonders gerne:

Wild lebende Pferde

Ein Highlight erlebten wir gleich am ersten Tag auf dem Weg nach Pasai. Nachdem wir es auf den Jaizkibel geschafft hatten, sahen wir uns unerwarteten „Zuschauern“ gegenüber stehen: Gut 30 Pferde, präziser gesagt Wildpferde, sind auf der Wiese versammelt. Friedlich und ohne jegliche Scheu lassen sie sich das grüne Gras schmecken. Eines der hübschen Vierbeiner ist besonders neugierig, kommt auf uns zu, bleibt stehen und fast entsteht der Eindruck, er wolle uns willkommen heißen, hier oben auf dem Berg, auf dem es vor allem eines gibt: Natur pur.

Gefaltete Felsen: Flyschrocks

Ein ganz anderes Naturerlebnis hier an der Nordküste Spaniens bot sich Richtung Deba. Der für sich alleine schon beeindruckende Küstenweg wartet an dieser Strecke mit einem geologischen „Schatz“ auf, der sich Dank des nicht ganz so hohen Wasserstandes von seiner besten Seite zeigt: die Flyschrocks. Der Ausdruck kennzeichnet eine Art Gesteinsformation, bei der Felsplatten auf- bzw. nebeneinander geschichtet sind. Und diese Formationen sehen in der Tat großartig aus, lassen sich aber nur schwer in Worte fassen und wir hoffen, dass wir mit den folgenden mitgebrachten Foto- und Video-Ausschnitten ein wenig die schönen Bilder, die wir im Kopf haben, transportieren können. Dass dieser als „Flyschroute“ bezeichnete Wegabschnitt zwischen Zumaia und Deba eine besondere Attraktion im Baskenland darstellt und jedes Jahr zahlreiche Besucher extra zur Besichtigung anreisen, können wir uns auf jeden Fall gut vorstellen.

Alte Gemäuer

Nicht minder fühlten wir uns aber auch angezogen von den zahlreichen alten Gemäuern, die wir am Rande des Weges sehen. Ob Wachturm, Kloster, Kirche oder Haus, ob Ruinen oder saniert, ob bewohnt oder schon längst nicht mehr genutzt… aus irgendeinem Grunde ziehen sie immer wieder unsere Blicke auf sich. Von diesen „Sehenswürdigkeiten“ geht für uns eine gewisse Faszination aus, die wir nur schwer beschreiben können. Es ist eine Faszination, die uns die ganze lange Reise hinweg immer wieder begegnen und begleiten wird. Wir sind überzeugt: Wer ein Faibel für den „Charme des Vergänglichen“ hat, der kommt an der spanischen Nordküste garantiert auf seine Kosten.

Viele charmante Orte auf der ersten Camino del Norte Etappe

Apropos Charme: Den versprühen auch viele der kleinen Küstenorte und Dörfer entlang der spanischen Nordküste, zu denen für uns sicher Pasai Donibane mit seinen bunten Häusern direkt am Wasser entlang, der Fischerort Getaria, Zumaia und das im Landesinneren liegende Larruskain gehören. Alle vier sind Beispiele von Plätzen, an denen wir uns sehr gerne ein wenig länger umgesehen hätten und die unseres Erachtens den immer wieder in Wanderführern zitierten „schönsten Ort Europas“ – San Sebastian – in Sachen „Wohlfühlatmosphäre“ in nichts nachstehen. Im Gegenteil…

Auf dem Bild sieht man Zumaia, einen Küstenort, an dem man bei der ersten Camino del Norte Etappe vorbei kommt.
Kleine Orte – hier im Bild Zumaia- laden gerade auf dieser ersten Camino del Norte Etappe zum Verweilen ein.

Verrückt nach Pinchos

Doch selbstverständlich haben wir aber auch unseren Aufenthalt in San Sebastian und ein paar Tage später in Bilbao im wahrsten Sinne des Wortes genossen – nicht zuletzt, weil beide mit hervorragenden Pincho-Bars aufwarten. In den meist rustikal anmutenden Kneipen werden die kleinen, teils kunstvoll gestalteten Snacks serviert, die ein wahrer Augenschmaus sind und auch geschmacklich überzeugten. Die in vielfältigsten Erscheinungsformen erhältlichen Spezialitäten werden wir später noch sehr vermissen, da sie außerhalb des Baskenlandes nur selten zu finden sind. Aber wir haben uns geschworen zuhause einmal selbst Hand anzulegen und einige Sorten nach zu kochen. Wenn uns dies gelingt, findet man die dazugehörenden Rezepte dann bald in unserer Rubrik „Jakobsweg-Rezepte“. Versprochen!

Camino del Norte Etappe 1: Lessons Learned

Ein bisschen Jakobsweg, ein wenig GR 121 und ein kleines Stück kreative Weggestaltung: Aus diesen Zutaten hat sich also die erste Teilstrecke unseres „Abenteuer Camino del Norte“, die uns von Irun nach Bilbao führte, zusammengesetzt. Eine Route, die wir wirklich Pilgern, Wanderern und Backpackern gleichermaßen empfehlen können, aber an dieser Stelle auch festhalten: Das ist kein Weg für alle (Fälle)!

Wer das Unterwegssein mit sportlicher Herausforderung kombinieren möchte, ist hier richtig. Wer sich auf dem Weg jedoch lieber treiben lassen und seinen Gedanken nachhängen möchte, dem würden wir diese küstennahe Route so nicht empfehlen, fordert doch der Weg in weiten Zügen ungeteilte Aufmerksamkeit.

Kondition, Trittsicherheit, zumindest ein gewisses Maß an Technik und möglichst keine Höhenangst: So lassen sich dann auch die persönlichen Anforderungen, die man für diese Strecke mitbringen sollte, formulieren. Dennoch Vorsicht:

Bei Regenwetter raten wir auch erfahrenen und versierten Wanderern dazu, einige der steilsten Abschnitte wie zum Beispiel den Aufstieg zum Berggrat des Jaizkibel oder die Flyschroute zu umgehen und eher auf die Landstraßen auszuweichen. Denn wie wir es selbst erlebt haben, können bereits vermeintlich einfache Wege bei nicht ganz so günstigen Wetterbedingungen angesichts des Rucksackes auf dem Rücken schon einmal zur echten Herausforderung werden. Wenn es dann noch bergauf geht, sich der Regen einstellt und es überall glatt und matschig wird, könnte sich eine „Rutschpartie“ wie die von Andrea schnell als lebensgefährlich erweisen.

Die spanische Nordküste fordert eines: Respekt!

Glücklicherweise ist bei unserem Zwischenfall aber alles nochmal gut gegangen. Vielleicht war der schmerzhafte Ausrutscher einfach ein notwendiges „HalloWach“ und ein Zeichen dafür, trotz relativ guter körperlicher und mentaler Kondition nicht zu leichtsinnig und übermütig zu werden. „Nehmt mich ernst und seid aufmerksam – kurz: Habt Respekt!“ scheint uns der Weg zugerufen zu haben. Und ja: Die Botschaft ist definitiv angekommen. WIE wichtig diese Sensibilisierung noch sein würde, wird uns allerdings erst viele Wochen später auf den schmalen Pfaden der Costa da Morte bewusst werden.

Bis dahin stehen uns aber noch eine ganze Reihe anderer Aufgaben bevor. Weshalb zum Beispiel die Frage nach der Verpflegung einem zum Wahnsinn treiben kann, welche Rolle die Routine spielt und weshalb in Santander alles anders lief als geplant, darüber berichten wir im nächsten Erlebnisbericht. Hier heißt es dann auf zur zweiten Camino del Norte Etappe, die im rund 270 Kilometer entfernten Ribadesella enden wird.

LESETIPP: Lust darauf, selbst eine Tour von Irun bis Finisterre zu planen? Im Beitrag „Camino del Norte: alle Infos für die Vorbereitung“ gibt es jede Menge wertvolle Tipps und Hinweise.

>> Und so geht es weiter: Camino del Norte Etappe 2: Walk, Eat, Sleep, Repeat…

>> Was bisher geschah: Etappenplanung „Abenteuer Camino del Norte“: 60 Tage . 1.200km

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