Abenteuer 100 Tage Südamerika . Teil 6: Abenteuerliche Busreise in Bolivien

Das Bild aus Bolivien zeigt ein grünes Polizeihäuschen, das in Yolosita steht und mit Policia Boliviana beschriftet ist.

Fast fünf Wochen verweilen wir nun bereits in Bolivien. Wir bewegten uns im „Ausnahmezustand“, lernten Spanisch in Sucre und durften Gebiete durchqueren, die wir uns in unseren schönsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Von der größten Salzpfanne der Welt, über farbige Lagunen bis hin zu surrealen Geysir-Feldern und Wild-West-Romantik inmitten von Canyons war wirklich alles dabei. Unterschiedlicher konnten die Eindrücke im Grunde gar nicht sein und doch gab es eine Gemeinsamkeit: Alle Gegenden waren eher karg – was auf Höhen von 3.000 bis 4.000 Metern auch nicht wirklich erstaunte.

Von der Wüste bis in den Dschungel: Bolivien ist ein Land voller Gegensätze.

Nun sollte uns jedoch unser „Abenteuer 100 Tage Südamerika“ noch eine ganz andere Seite Boliviens zeigen. Eine Seite mit üppiger Vegetation und einer Flora und Fauna wie aus Bilderbüchern. Ja, eine weitere großartige Tour lag vor uns, bei der wir die bolivianischen Yungas und das Amazonasgebiet kennenlernen würden. Also packten wir wieder unsere Rucksäcke zusammen, froh darüber, die Hektik und den Lärm der (wenngleich sehenswerten) Großstadt La Paz, in der wir einige Tage einen kleinen Stopp eingelegt hatten, hinter uns zu lassen.

Jetzt erwartete uns erneut eine Zeit mit weniger Komfort dafür aber auch mit sehr viel Spaß und Spannung.

Weiter geht es in die bolivianischen Yungas

Unsere Abreise aus La Paz erfolgte morgens gegen 4 Uhr bei Minusgraden, Nebel und Regen. Der frühe Aufbruch war nicht geplant, doch notwendig, da in El Alto – hier liegt das Busterminal – Streiks und Demonstrationen, begleitet von Straßenblockaden, stattfinden sollten. Was das dann bedeutet, wussten wir aufgrund unserer zweiwöchigen „Streikerfahrungen“ aus Sucre zur Genüge. Wer bis 7 Uhr die Stadt nicht verlassen hat, lief Gefahr in La Paz – unter Umständen auf unbestimmte Zeit – festzusitzen. Dies wollten wir nicht riskieren und machten uns also mit dem Taxi auf in Richtung Busbahnhof. Rund 20 Minuten später wurden wir bei Dunkelheit abgesetzt.

Nun standen wir also da. Mitten in El Alto, einem Ort, den man laut einschlägiger Bolivien-Reiseführer und Blogs in der Nacht auf keinen Fall besuchen sollte. Kurz war uns dann auch tatsächlich etwas mulmig zumute hier in der Dunkelheit und mitten im Gedränge auf dem Platz zu stehen. Doch schnell konzentrierten wir uns auf unser Ziel: eine Mitfahrgelegenheit zu finden, um wie viele der hier bereits versammelten Bolivianer noch vor Streikbeginn aus der Stadt zu kommen und bis in die Yungas zu gelangen.

Dieses Bild aus Bolivien zeigt den Blick aus dem Bus auf die verschneiten Berge und auf einige Hütten auf 4.600 Metern Höhe.
Auf 4.600 Metern Höhe begegnen wir kurz dem Winter, bevor es in die wärmeren Klimazonen geht.

Kurze Zeit später befanden wir uns in einem Minivan zusammen mit vier Bolivianern, die zur Arbeit pendelten. Alle schienen noch ein wenig müde, machten die Augen zu, während wir aus dem Fenster sahen und gespannt verfolgten, wie sich die Landschaft veränderte und wechselte von schneebedeckten Berghängen auf über 4.600 Metern bis zur grünen Oase der Yungas.

Ein Tag in Coroico

Nach zwei Stunden kamen wir bei unserem Zwischenziel Coroico an. Der Ort ist bei Reisenden vor allem durch den El Camino de la Muerte – die gefährlichste Straße der Welt – bekannt. Wo sich früher die Fahrzeuge unter großen Gefahren fortbewegt haben, hat man nun die Gelegenheit, sich bei der organisierten Abfahrt mit dem Mountainbike einen Adrenalinkick zu holen. Doch wenn man genauer hinsieht, haben die Yungas in dieser Gegend weit mehr zu bieten als die „Death Road Bolivia“.

Dieses Bild aus Bolivien in der Nähe des El Camino de la Muerte zeigt ein uniformierte Puppe, die den Tod widerspiegelt und an einer alten verrosteten Tonne liegt.
“Begegnung” am Rande des El Camino de la Muerte – der gefährlichsten Straße der Welt.

Wir nutzen unsere rund 48 Stunden dauernden Zwischenstopp für eine kleine Erkundungstour zu Fuß. Ein lohnenswerter Aufenthalt mit einer Menge neuer Eindrücke. Besonders die Vegetation ließ uns staunen: Überall standen Bananenstauden zum Greifen nahe, Avocadosträucher, Bäume mit Zitrusfrüchten, Kaffeesträucher, Cocaplantagen, riesige Farne und eine farbenprächtige Flora. Aber auch die kleinen Ortschaften am Rande von Coroico, die wir bei unserem Tagesausflug durchstreiften, ließen uns in eine ganz besondere Atmosphäre Boliviens eintauchen und wieder war es der Charme des Einfachen, der uns für kurze Zeit gefangen nahm.

Impressionen rund um Coroico

Zwei oder drei Tage hätten wir hier wohl gut und gerne noch verweilen können, doch der Amazonas rief und so kümmerten wir uns um die Weiterreise. Aufgrund von Straßenbauarbeiten war die Weiterfahrt leider nur Nachts möglich. Wir buchten also einen Platz im Bus für den Abend und erhielten im Ticketbüro unsere Fahrkarten zusammen mit ein paar Instruktionen.

Policia Boliviana: Dein Freund und Helfer

Von Coroico aus mussten wir erst einmal mit dem Minibus nach Yolosita gelangen, einem kleinen Ort, der sich im wahrsten Sinne des Wortes als Verkehrsknotenpunkt herausstellte. An einer Kreuzung trafen hier Straßen von drei Seiten aufeinander, dazwischen ein großer Platz mit zahlreichen Verkaufsständen und an der Stirnseite eine Polizeiwache. Bei dieser sollten wir uns – so erklärte man uns beim Ticketkauf – bei Ankunft unbedingt melden, um unsere Weiterfahrt nach Rurrenabaque, dem Ausgangsort für unsere kleine Dschungelexkursion, zu sichern.

Das Bild aus Bolivien zeigt Andrea in Coroico vor einem Minibus stehend, auf dessen Dach ein Mann große Säcke befestigt.
Erst mal nach Yolosita: In Etappen geht es in das Amazonasgebiet.

Die Abfahrt unseres Busses war für 19 Uhr geplant. Mit einem Blatt Papier in der Hand, auf dem Buskennzeichen und Namen der Busgesellschaft vermerkt waren, wandten wir uns also „weisungsgemäß“ an die Polizisten in Yolosita und in der Tat regelte man hier offensichtlich nicht nur den Verkehr und kontrollierte Fahrzeuge, sondern war auch Anlaufstelle für Busreisende. Nach einem kurzen Blick auf unser Ticket und den mitgebrachten Zettel, gab man uns zu verstehen, dass wir vor der Wache warten sollten, man gäbe uns Bescheid, sobald der Bus ankommt.

Zurück auf dem Platz hieß es dann für uns vor allem eines: geduldig sein. Es wurde 19.30 Uhr, 20 Uhr… Zwischenzeitlich waren wir die einzigen Fahrgäste an der Kreuzung, doch unser Bus war noch immer nicht in Sicht. Dafür sorgte man wirklich gut für uns. Rund alle 15 Minuten schaute ein Polizist aus dem Fenster oder trat vor die Türe der Wache um uns zu versichern, dass der Bus im Anrollen ist. Dann endlich – es war kurz nach 21 Uhr – der erlösende Ruf: Der Bus war da und der Polizist sichtlich erfreut und erleichtert zugleich, uns diese Nachricht zu überbringen. Wir bedankten uns für die Betreuung, schnappten unsere Rucksäcke und liefen die Straße entlang Richtung Fahrzeug.

Nacht in Yolosita – Impressionen

Viel konnte man im Dunkeln nicht erkennen, aber als wir uns dem Bus näherten, waren wir uns plötzlich nicht mehr so sicher, ob wir die Freude des Polizisten unbedingt teilen sollten. Das neueste Modell stand nicht gerade vor uns. Mit viel Farbe hatte man offensichtlich versucht, die deutlichen Risse der Karosserie zu kaschieren, die irgendwie auch ein wenig schief zu sein schien und auf Rädern fortbewegt wurde, die ihre besten Zeiten wohl auch schon gesehen hatten. Ehrlich gesagt hatten wir uns unser „Fortbewegungsmittel“ etwas anders vorgestellt und in der leisen Hoffnung, dass wir vielleicht vor dem falschen Bus stehen, blickten wir nochmal kurz auf die Fahrzeuginformationen. Nein, es lag kein Irrtum vor. Das war der erwartete Bus.


Übrigens:

Für alle, die jetzt Lust bekommen sich in ein solches Abenteuer einmal selbst zu begeben, jedoch noch etwas unsicher sind, wie man so etwas plant und an was man alles denken sollte, haben wir hier diese ToDo-Liste erstellt. Bei Interesse einfach auf den unten stehenden Banner klicken und herunterladen.

Das Bild zeigt einen Werbebanner, der auf die Todo-Liste zum "Abenteuer 100 Tage Südamerika" und die Möglichkeit des kostenlosen Downloads hinweist.


Also rein mit uns, war es doch schließlich unsere eigene Entscheidung, nicht in luxuriösen Touristenbussen bequem bei Kaffee und Obststückchen durch die Lande zu fahren. Wir suchen doch möglichst authentische Erlebnisse, wollen ein wenig vom echten Leben hier in Bolivien spüren und nicht in einer künstlichen Parallelwelt alles durch die rosarote Urlaubsbrille serviert bekommen. Was liegt also näher als die Transportwege und -mittel zu nutzen, die auch die Bevölkerung nutzt? Bislang sind wir damit im wahrsten Sinne des Wortes zwar nicht immer bequem, aber immerhin doch ganz gut gefahren…

Das echte Leben in Bolivien lernt man nicht in künstlichen Parallelwelten kennen.

Wir wischten jeden Zweifel aus unserem Kopf, legten unsere Rucksäcke zwischen Obst- und Gemüsesäcke, vereinzelten kleinen Koffern und unendlich vielen gefüllten Plastiktüten ins staubige Gepäckladefach und stiegen ein. Noch auf der Treppe stehend fiel unser Blick auf die Fahrerkabine, die fast im Chaos zu versinken schien. Aber immerhin würde der Fahrer wohl nicht vor Müdigkeit einschlafen, lag doch eine große Tüte Cocablätter griffbereit neben dem Sitz.

Dieses Bild zeigt das Führerhaus eines Busses in Bolivien, in dem Kissen, Decken und vor allem eine Tüte voller Cocablätter liegt.
Vertrauenserweckend sieht anders aus: Blick in die Fahrerkabine

Bereit für die Nachtfahrt

Gemustert von rund 30 Augenpaaren gingen wir den Gang zwischen den Sitzreihen entlang. Ein Blick auf die Uhr zeigte 21.37 Uhr als wir „Gringos“ zwischen all den Einheimischen Platz nahmen. Die meisten saßen bereits seit La Paz hier, hatten es sich mit Decken, Kissen und Verpflegung gemütlich gemacht und sich auf die noch rund zehn Stunden dauernde Nachtfahrt eingerichtet. Auch wir setzten uns nun auf unsere Plätze, im Vertrauen darauf, dass schon alles gut gehen wird und schauten aus dem Fenster hinaus in die stockfinstere Nacht während der Bus hier oben auf den unbeleuchteten Straßen durch die Yungas holperte.

Von Minute zu Minute gewöhnten wir uns mehr an das Quietschen und Schaukeln und das fahrbahnbedingte Ruckeln bis zum gefühlten Umfallen des Busses und waren fast schon eingeschlafen, als seltsame Geräusche unsere Aufmerksamkeit erweckten. Bei jedem Bremsvorgang zischte es ungewöhnlich laut, ein wenig als würde irgendwo Luft entweichen. Während wir noch darüber nachdachten, was es damit auf sich haben könnte, kam der Bus auch schon zum Stehen – in der absoluten Dunkelheit, mitten auf einer schmalen Straße und einem kurvigen Streckenabschnitt, der bergabwärts führte…

Das Bild aus Bolivien zeigt die Seite eines Busses, der in der Dunkelheit auf einer Straße liegengeblieben ist.
Irgendwie unheimlich hier oben in den Yungas, in der absoluten Dunkelheit.

Fahrer und Beifahrer verließen mit zwei anderen Männern das Fahrzeug, dann war es ganz still. Wir schauten uns um. Außer uns schien sich nicht wirklich jemand dafür zu interessieren, was hier vor sich ging und so blieben auch wir zunächst einmal sitzen und beobachteten durch das Fenster wie zwei der Männer offensichtlich etwas suchten. Hatten wir vielleicht etwas verloren? Dann drangen von draußen Stimmen in das Businnere, ein Mann kam wieder herein und holte einen anderen Gast. Der rief „Servicio“ oder etwas Ähnliches und wedelte kurz mit den Händen. Danach kehrte wieder Ruhe ein. Langsam wurden wir doch neugierig. Was ging hier vor, mitten in der stockfinsteren Nacht? Nico entschloss auszusteigen, um nachzusehen. Das Bild, das sich ihm dann stellte, war wirklich – gelinde gesagt – bemerkenswert.

Fahrzeugreparatur in Bolivien

Dicht neben dem Bus saßen vier Männer in der Hocke und versuchten im Schein einer Taschenlampe etwas zu reparieren, was sich auf Nachfrage als kaputte Dichtung des Bremskraftverstärkers herausstellte. Um diese zumindest provisorisch zu flicken, suchten sie nach Gummistücken auf der Straße und fanden eine Gummimatte, die jetzt zusammen mit einer Colaflasche – deren Rolle sich uns nicht erschloss – als Flickzeug dienen sollte. Ein Zustand, der bei uns undenkbar wäre. Aber wir sind nicht bei uns zu Hause, sondern in Bolivien und hoffen einfach einmal, dass die Menschen hier nicht lebensmüde sind, sondern wissen, was sie tun.

Das Bild aus Bolivien zeigt drei Männer, die in der Dunkelheit auf der Straße knien und versuchen mit Gummiresten und Colaflasche etwas zu reparieren.
Erstaunlich: provisorische Reparatur in der Dunkelheit

Und tatsächlich: Das „Reparaturteam“ schaffte es in dieser Nacht irgendwie, die „kreative“ Dichtung anzubringen. Jetzt ging es weiter, hoch und runter, über unbefestigte Straßen und Schlaglöcher und zugegebenermaßen beteten wir zunächst bei jedem Bremsvorgang, dass die provisorische „Cola-Flaschen-Dichtung“ halten und die Bremsen nicht versagen würden. Aber irgendwann wich dann auch bei uns jegliche Anspannung und jeglicher Argwohn ob der Funktionsfähigkeit unseres „Reisemobils“ endgültig der Müdigkeit.

Ankunft am Rande des Amazonas

Es war acht Uhr am Morgen, als wir erleichtert in Rurrenabaque ankamen. Elf Stunden waren seit unserer Abfahrt in Coroico vergangen. Die Glieder taten weh und wir waren ziemlich froh, die nächsten Tage nun vermehrt wieder zu Fuß unterwegs zu sein.

Zusammen mit den anderen Reisenden stiegen wir aus dem Bus, warteten geduldig, bis die Gepäckstücke ausgeladen wurden und nutzen die Zeit, uns ein wenig umzusehen. Jetzt, bei Tageslicht fallen uns die etwas eigenwillig bunt bemalten Rückseiten der Busse auf und wir müssen lachen.

Dieses Bild aus Bolivien wurde am Busterminal in Rurrenabaque aufgenommen und zeigt die Rückseite von zwei Bussen, die mit Jesus bzw. einem erotischen Engel bemalt sind.
Eigenwillige Kunstwerke auf den Bussen.

Was wollen uns diese „Gemälde“ sagen? Dass der liebe Gott oder die Schutzengel mit uns sein mögen, wenn wir in einen der Busse steigen?! Ein Begleitschutz, den sicher viele wie auch wir hier in Bolivien gerne annehmen …

Wir packten unsere Rucksäcke auf den Rücken und nahmen uns gemeinsam mit zwei Frauen aus dem Bus ein Tuc-Tuc, um in das Ortszentrum zu gelangen. Rund zehn Minuten ging es über Stock und Stein, dann war die Fahrt auch schon zu Ende und wir wieder alleine.

Neue Erfahrung: Tuc-Tuc-Fahren in Bolivien

Ein wenig traurig gingen wir Richtung Unterkunft. In den vergangenen Stunden sind wir nämlich trotz unserer nur rudimentären Spanischkenntnisse einigen der mitreisenden Bolivianer ein wenig nähergekommen und hatten zum Abschied gar den Eindruck, nicht mehr nur die „Gringos“, sondern für eine kurze Zeit echte Wegbegleiter gewesen zu sein.

Apropos Wegbegleiter: Der wichtigste Wegbegleiter bei unserer Tour durch das Amazonasgebiet war in den folgenden Tagen unser iPhone – oder besser gesagt dessen Kamerafunktion. Denn jetzt hieß es auf in den Dschungel und ab durch die Pampa, wo uns ein unglaubliches Naturspektakel erwartete. Dazu aber mehr in Teil 7 unseres „Abenteuers 100 Tage Südamerika“ wenn es heißt: Auf geht’s in den Dschungel von Bolivien.

>> Was bisher geschah: Abenteuer 100 Tage Südamerika Teil 5 . Oder: Bolivien im Zeitraffer

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